Foto: Christian Behrens (2x); Michael Thomas; Oliver Kuklinski

 

Wie soll das Hannover von morgen aussehen? Um sich fit für die Zukunft zu machen, startet die Landeshauptstadt Hannover einen Innenstadtdialog, mit dem sie den Strukturwandel und die Mobilitätswende vorantreiben möchte.

Das Ziel der Stadtverwaltung ist klar: klimaneutral sein bis zum Jahr 2050; der Ausstoß von Treibhausgasen soll bereits in den kommenden zehn Jahren halbiert werden. Das hat die Bundesregierung in ihrem Klimaschutzplan 2050 so festgelegt – und damit die Kommunen zum Handeln aufgefordert. Doch das ist nur ein Aspekt der ganzheitlich konzipierten Stadtentwicklung. Ebenso wichtig ist es, dass die Stadt und besonders das Zentrum für alle attraktiv bleiben: „Die Innenstadt befindet sich mitten in einem starken Strukturwandel, der durch die Folgen der Corona-Krise beschleunigt wird. Ein nachhaltiges Konzept für die Innenstadt muss deshalb die künftigen ökonomischen, gesellschaftlichen, sozialen, ökologischen und kulturellen Anforderungen einer Stadtgesellschaft berücksichtigen und gemeinsam mit den Bürger*innen entwickelt werden“, ist Oberbürgermeister Belit Onay überzeugt.

Die Georgstraße auf Höhe der Oper könnte schon bald autofreie Zone sein.

Um die Innenstadt von morgen zu gestalten, geht die Stadtverwaltung für ein zukunftsfähiges Zentrum in die Offensive und beteiligt beim Innenstadtdialog die Bewohnerinnen und Bewohner. Bürgerinnen und Bürger, Interessengruppen wie Kaufleute, Kulturschaffende und Gastronomen sollen darüber miteinander ins Gespräch kommen, wie Mobilitätswende und Strukturwandel gelingen können. „Es ist wichtig, die Aufenthaltsqualität zu entwickeln und die Innenstadt zukunftssicher zu gestalten“, so Onay. „Wir wollen außerdem zu einer guten Mobilität für alle kommen.“

Stadtbummler kommen oftmals mit ÖPNV in die City

Auch für Handel und Dienstleistungen sieht die Stadtverwaltung Vorteile. Die Studie “Vitale Innenstädte 2016” des Instituts für Handelsforschung in Köln zeigt, dass rund 60 Prozent aller Innenstadtbesucher, auch die von Hannover, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen und nur 20 Prozent mit dem eigenen Pkw. Laut der Studie gewinnen Innenstädte vor allem dadurch, dass Ambiente und Angebot stimmen, weshalb am Ende auch der Handel, der Frequenzbringer jeder Innenstadt, von weniger Autos am Straßenrand profitiert: „Weniger Autos in der Stadt bedeutet mehr Platz für soziales Leben. Es wird ruhiger und entspannter. Das lädt die Menschen zum Schlendern, Verweilen und Shoppen ein“, glaubt Onay.

Rückbau von Fahrspuren zugunsten von mehr Lebensqualität

Der Innenstadtdialog umfasst alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Und damit auch den Verkehr. Schon jetzt ist klar, dass in den kommenden Jahren Velorouten aus den Randbezirken bis ins Zentrum führen sollen. Sie ermöglichen selbst Kindern und Ungeübten, stressfrei in die Stadt zu radeln. Doch auch die Frage, wo zukünftig noch Autos fahren und wo nicht, gilt es zu diskutieren. Wo kann geparkt werden? Was ist mit Anwohner*innen und dem Lieferverkehr? Im Austausch mit den Bürger*innen entstehen idealerweise Ideen für neue städtische Räume: Durch den Rückbau von Fahrspuren kann viel freier Platz für Grünflächen, Fußgängerzonen und die Gastronomie entstehen  – Orte für Begegnung und Lebensqualität.

Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay hofft auf eine autoarme Innenstadt, die zum Verweilen und Einkaufen einlädt.

„Gemeinsam mit der ganzen Stadtgesellschaft und auch den Besuchern gilt es, die Zukunft der Stadt zu gestalten. Wir müssen miteinander reden, keine Tabus akzeptieren, alle einbeziehen und uns den urbanen Realitäten stellen“, sagt Oliver Kuklinski, Geschäftsführer des Bürgerbüros für Stadtentwicklung in Hannover. Die Innenstadt sei die Visitenkarte einer Stadt, das Herz und gleichzeitig der Ort, an dem die einschneidendsten Veränderungen in europäischen Städten zu erwarten sind.

Für Oliver Kuklinski, Geschäftsführer des Bürgerbüros für Stadtentwicklung in Hannover ist das Zentrum die Visitenkarte der Innenstadt.

Hamburgs Jungfernstieg als Vorbild

Prominentes Beispiel: Der Senat der Stadt Hamburg geht ab Mitte Oktober einen weiteren Schritt, die Innenstadt von zu viel Autoverkehr zu befreien. In der Hansestadt soll ab 17. Oktober der Jungfernstieg für den Individualverkehr gesperrt und damit nahezu autofrei werden. Anjes Tjarks, Senator für Verkehr und Mobilitätswende, erklärte in einer Pressemitteilung dazu: „Durch die weitgehende Herausnahme des Autoverkehrs aus dem Jungfernstieg werten wir diesen zentralen Ort Hamburgs insgesamt auf: Wir sorgen für eine verbesserte Situation für Fuß-, Rad- und Busverkehr, für mehr Verkehrssicherheit sowie für weniger Lärm und Abgase. Dadurch erhöhen wir insgesamt die Aufenthaltsqualität und machen die Innenstadt zu einem lebendigeren und attraktiveren Ort der Begegnung.“

Hannovers Innenstadtdialog bezieht alle ein

Die Stadtverwaltung stellt im Rahmen des Innenstadtdialogs für das Beteiligungsverfahren 200.000 Euro bereit. Es dauert bis zum Sommer 2021. Die Idee dahinter: die verschiedenen Nutzer- und Interessengruppen aus Hannover an einen Tisch zu bringen mit den Menschen, die in der Stadt leben, arbeiten oder sie besuchen. Dieser Dialog soll mithilfe von analogen und digitalen Angeboten geführt werden. Um die Ideen der Menschen zur Entwicklung der Innenstadt in den Prozess einzubringen, soll im Sommer 2021 eine repräsentative Befragung stattfinden. In einem Jahr dann sollen die Ergebnisse der öffentlichen Diskussion vorliegen. „Wir werden Fehler begehen, Irrwege beschreiten, Experimente wagen, uns von Gewohnheiten befreien müssen. All dies ist nur möglich, wenn wir es gemeinsam tun, über den Tellerrand blicken und Lust auf ein anderes Morgen bekommen“, wagt Oliver Kuklinski einen Ausblick.