Foto: Region Hannover

Für Regionspräsident Hauke Jagau sind Fahrräder und Öffentliche Verkehrsmittel die Zukunft klimafreundlicher Mobilität. Auch CarSharing und Leihräder sieht er weiter auf dem Vormarsch und als wichtigen Schlüssel für eine erfolgreiche Verkehrswende in Hannover. Ein Interview.

Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit – eine richtig gute Art, um in den Tag zu starten, und für mich auch wichtig, um nach der Arbeit wieder den Kopf frei zu kriegen. Ich habe das Glück, dass die Strecke nur durchs Grüne führt. Aber vielleicht ist Glück auch der falsche Ausdruck: Einer der riesigen Pluspunkte der Region Hannover ist ja, dass sie so grün ist und man prima mit dem Rad von einem Ort zum anderen kommt, ohne sich durch dichten Autoverkehr quälen zu müssen. Es gibt allerdings dienstliche Termine, zu denen ich mit dem Auto fahre. Wenn ich in Dollbergen oder in Springe zu tun habe, ist es zeitlich für mich einfach nicht darstellbar, dorthin mit dem Rad zu fahren.
Ganz ehrlich: Ich glaube, es ist an uns allen, unsere Verhaltensweisen zu ändern, weniger Auto zu fahren und mehr auf Bus, Bahn und Fahrrad zu setzen. Und solange man komisch angesehen wird, wenn man in der Oper den Fahrradhelm statt eines feinen Mantels an der Garderobe abgibt, ist das Rad als normales Verkehrsmittel nicht wirklich angekommen in der Gesellschaft. Im Grunde geht es darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Das geht besser, wenn man sich ab und zu klarmacht, dass wir keinen zweiten Planeten auf Halde haben. Ich habe zwei Söhne, und mir wird angst und bange, wenn ich mir vorstelle, wie unsere Erde in 50 oder 70 Jahren aussieht, wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff kriegen.
Mein Dienstwagen ist ein Plug-in-Hybrid. Allerdings nutze ich im Moment häufiger einen VW-Bus, um im Wagen den vorgeschriebenen Abstand einhalten zu können. Die Region Hannover hat ihren Fuhrpark zum großen Teil in den vergangenen Jahren umgestellt, sodass wir jetzt jede Menge E-Fahrzeuge für Dienstfahrten zur Verfügung haben. Außerdem ist der Regionsparkplatz schon lange Stellplatz für ein Carsharing-Fahrzeug, das in den Dienstzeiten der Verwaltung zur Verfügung steht und außerhalb allen Menschen. Privat fahre ich seit 15 Jahren einen Wagen mit Gas-Antrieb und freue mich, dass das Gas inzwischen zu 100 Prozent regenerativ erzeugt wird.
Ganz klar: Der öffentliche Nahverkehr und das Fahrrad sind die Verkehrsmittel der Zukunft. Wobei die Zukunft schon begonnen hat, wenn man so will. Wir haben hier in der Region Hannover eines der besten ÖPNV-Angebote in Deutschland. Davon können andere Städte und Landkreise nur träumen. Die Expo 2000 hat der Region Hannover vor gut 20 Jahren einen riesigen Schub nach vorne ermöglicht, indem das S-Bahn-Netz ausgebaut und seither kontinuierlich weiterentwickelt wurde. In den vergangenen Jahren hat die Region Hannover außerdem deutlich mehr Geld in den Radverkehr als in den Autoverkehr investiert.
Die E-Fahrzeuge im Fuhrpark der Regionsverwaltung habe ich ja bereits erwähnt. Im Zuge der Umstellung hat die Region Hannover auch die entsprechende Infrastruktur mit Ladesäulen geschaffen. Bei längeren Dienstreisen gibt es schon immer die Regel Bahn vor eigenem Auto. Corona hat uns ja jetzt gezeigt, dass man sich zu vielen Fragen auch in Videokonferenzen austauschen kann. Ich gehe davon aus, dass das ein Weg sein wird, den wir auch in Zukunft weitergehen werden, um reale Wegstrecken zu sparen.
Tatsächlich geht mir der Bau von Fahrradwegen nicht schnell genug. Allerdings hat uns der Bund in den vergangenen Jahren bei den Verkehrsprojekten erheblich finanziell unterstützt – beim Ausbau von Radwegen, aber zum Beispiel auch beim Bau eines innovativen Fahrradparkhauses, das jetzt in Wunstorf am Bahnhof entsteht. Unser Fachbereich Verkehr ist da sehr engagiert. Trotzdem dauert natürlich alles seine Zeit. Am Ende hängt die Zahl der Projekte, die die Region umsetzen kann, auch an den personellen Ressourcen – sowohl bei der Planung als auch bei den Baufirmen. Ingenieurinnen und Ingenieure und Baufachleute kann man sich ja nicht schnitzen.
Ich denke, dass wir noch einen großen Schritt weiter sind in Richtung „shared mobility“ und dass Autos ihren Wert als Statussymbol hoffentlich endlich eingebüßt haben werden. Der Trend zu großen, schweren Autos muss sich wieder umkehren – die sind das Gegenteil von Verkehrswende. Was sich bereits bemerkbar gemacht hat, ist, dass auch viele ältere Menschen eher mal aufs Rad steigen als ins Auto, wenn es um mittellange Strecken geht – und zwar dank der E-Bikes. Ich denke, dass das weiter anhält. In fünf Jahren sollten wir beim Thema Radverkehr deutlich vorangekommen sein.
Das autonome Fahren wird enorme Veränderungen bringen und neue Chancen bieten, sich vom eigenen Auto zu verabschieden. Es gibt keinen Grund, warum ein Auto irgendwo ungenutzt herumstehen sollte, statt in der Zeit andere Fahrgäste zu transportieren. Autonomes Fahren bietet für die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen ganz neue Perspektiven. In den vergangenen Jahrzehnten hat es trotz aller Bemühungen um das Gegenteil einen stetigen Zuwachs bei der Zahl der zugelassenen Autos gegeben. In zehn Jahren werden wir die Wende geschafft haben.