Foto: Michael Thomas; Florian Arp / Archiv Hillbrecht Meier

Welche Ideen sie mit einer autoarmen Innenstadt verbinden, erklären Dirk Hillbrecht, ADFC-Vorstand in Hannover, und Martin Prenzler, Geschäftsführer der City-Gemeinschaft in Hannover.

Im Gespräch: Hannovers ADFC-Vorstand Dirk Hillbrecht (rechts) und Martin Prenzler Geschäftsführer der City-Gemeinschaft Hannover äußern sich zu möglichen Auswirkungen einer autoarmen Innenstadt für Menschen und Handel.

 

Martin Prenzler: Ich wünsche mir für Hannover einen breiten Mobilitätsmix, der keinen Menschen ausgrenzt und individuelle Bedürfnisse unserer Besucher in der Innenstadt schadstoffarm und idealerweise leise abdeckt.

Dirk Hillbrecht: Alle Verkehrsteilnehmer können entspannt auf eigenen Wegen unterwegs sein. Autos werden nur noch in Parkhäusern abgestellt, so bleiben die Straßen frei für entspanntes Bummeln. Mit dem Rad können auch kleine Kinder sicher mitfahren. Und natürlich ist der ÖPNV weiter wichtig.

Martin Prenzler: Da würde ich zuerst echte Alternativen zum Autoverkehr aufbauen. Alternativen, die von den Menschen gern angenommen werden. Das klingt leicht, ist es in der Realität aber nicht. Schnelllinien für den ÖPNV vom Stadtrand in die City brauchen eigene Gleiskörper, Fahrradwege benötigen Platz. Bislang sind wir da noch nicht weit gekommen. An den Endpunkten sollten Park-and-Ride-Plätze massiv ausgebaut werden für Räder wie für Autos. Mobilität in Städten unterscheidet sich wesentlich von der Mobilität auf dem Land. Aber gastfreundlich müssen wir als City für jeden Menschen sein. Es ist bei derzeit circa 8500 Stellplätzen in der Innenstadt auf jeden Fall nicht leicht, den Menschen zu sagen: Ihr könnt ab morgen nur noch auf den 1700 Stellplätzen der Park-and-Ride-Anlagen parken. Da braucht es Investitionen in eine andere Infrastruktur.

Dirk Hillbrecht: Mit wenigen Maßnahmen kann man den Kfz-Verkehr so leiten, dass er in Stichstraßen in Parkhäuser führt. Diese wären alle vom Cityring aus erreichbar. Parken am Straßenrand kann entfallen. Das würde die Attraktivität der City sofort steigern. Das sind erste Schritte; perspektivisch gibt es immer größere Bereiche, in denen kein individueller Kfz-Verkehr mehr stattfindet. Erfahrungen konnten wir bereits sammeln: Der „Posttunnel“ am Hauptbahnhof zwischen ZOB und Kurt-Schumacher-Straße war in der Adventszeit 2019 für den allgemeinen Autoverkehr geschlossen, ebenso der Tunnel Fernroder Straße im Herbst 2018 aufgrund von Bauarbeiten. Dort hat Radfahren plötzlich richtig Spaß gemacht, da die permanente Gefahr von zu dicht überholenden Kraftfahrzeugen entfallen war. Zwei Beispiele, die zeigen, dass keinesfalls der gesamte Verkehr zusammenbricht, wenn auf den Straßen Fahrräder und ÖPNV Vorrang haben.

Martin Prenzler: Die Transformation ist ein Prozess, der viele Jahre dauern wird. Das sollte jedem klar sein. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass sich Menschen, die sich nicht mitgenommen fühlen, umorientieren und unserer schönen Innenstadt den Rücken kehren. Wenn wir am Ende zwar eine wunderschöne Innenstadt erhalten, aber kaum noch Besucher da sind, haben wir nichts gewonnen.

Dirk Hillbrecht: Reines Verkaufen von Waren ist langfristig kein erfolgreiches Geschäftsmodell mehr. Deshalb haben vor allem große Warenhäuser schon jetzt massive Probleme. Im Handel ist ein tiefgreifender Strukturwandel im Gange. Und damit auch in unseren Innenstädten, die sich praktisch neu erfinden müssen. Doch herumstehendes Blech ist nicht attraktiv und macht folglich auch keine Innenstadt ansehnlich. Eine anziehende Innenstadt bietet dagegen Aufenthaltsqualität: Service, Dienstleistungen, Gastronomie, Events im öffentlichen Raum. Da sind Autos ein Klotz am Bein. Niemand geht gern auf Hauptverkehrsstraßen bummeln, sondern dort, wo die Luft gut ist, Bäume stehen, sich viele Menschen tummeln und man was zu gucken hat. Ein Familienausflug per Fahrrad in die Innenstadt ist heute kaum möglich. Aber genau das sollte ein wichtiges Ziel sein.

Martin Prenzler: In meiner Vision einer solchen Innenstadt natürlich jeder gleichermaßen. In der City geht es zuerst um die fußläufigen Wege. Der Fußgänger kommt in der heutigen Diskussion der Verkehrswende zu kurz. Wenn es uns wirklich gelingen soll, Menschen dazu zu bewegen, weniger mit dem Auto in die City zu fahren, könnten wir die Stellplätze sicherlich anders nutzen.

Dirk Hillbrecht: Alle Menschen: durch weniger Stress, mehr Lebensqualität und stabilen Handel.

Martin Prenzler: Ebenfalls ein spannendes Thema. In einer Welt, die nicht nur gefühlt immer schneller wird, ist auch der Warenfluss immer schneller. Wir stellen immer kleinteiligere und höhere Sendungsaufkommen fest. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Das ist ein Thema für sich.

Dirk Hillbrecht: Geliefert wird natürlich – so wie jetzt auch – außerhalb der Geschäftszeiten. Große Lkw gehören aber nicht mehr in Innenstädte. Stattdessen gibt es Logistikzentren, von denen aus die Waren auf Paletten mit kleinen E-Fahrzeugen oder E-Lastenrädern verteilt werden. Das funktioniert international prima.

Dirk Hillbrecht: Ich fahre hauptsächlich Fahrrad, nutze ÖPNV, wenn es nötig ist. Kfz habe ich über Carsharing. Und manchmal leihen wir uns über Stadtmobil auch ein Hannah-Lastenrad. Die sind spitze.

Martin Prenzler: Ich genieße den Luxus, täglich nach Laune und Wetter entscheiden zu können, wie ich meine Wege zurücklege. Das ist leider nicht jedem Menschen vergönnt.

Wie die Innenstadt zugunsten von mehr Lebensqualität umgestaltet werden könnte, diskutierten Hannoveraner*innen auch beim Innenstadtdialog.